Zollstock: Ein bisschen wie Fight Club

Zwölf Männer, die in einem dunklen Kellerraum die Fäuste fliegen lassen: Ein bisschen durfte man sich beim Guts & Glory Cup am Wochenende an Finchers Kult-Streifen "Fight Club" erinnert fühlen. Nur dass in dem Boxclub in Zollstock doch alles ganz anders ist.

Samstagabend, kurz nach 20 Uhr. Der Hinterhof am Gottesweg 54 ist stockduster. Nur wer genau hinsieht, entdeckt das Licht in der hinteren Ecke des Gewerbeareals. Aus einem Keller kommen Stimmen umhüllt von nikotinhaltigen Nebelschwaden. Über eine schmale Wendeltreppe geht es nach unten. "Heute kein Trainig" steht auf einem Zettel an der schweren, grauen Stahltür. Und doch tummeln sich nicht nur vor, sondern auch hinter dieser Tür an diesem Abend unzählige Menschen. Rein kommt nur, wer eines der goldenen Einlassarmbändchen ums Handgelenk trägt. Grund für den ungewohnten Ansturm im Untergrund: der Guts & Glory Cup 2016.

Nur wer Eier in der Hose hat, dem gebühren Ruhm und Ehre. So oder so ähnlich könnte man wohl die Message von "Guts & Glory" übersetzen. Dass Martin Schneider seinen Kölner Boxclub vor zwei Jahren auf genau diesen Namen getauft hat, macht heute gleich in doppelter Hinsicht Sinn. Einmal, weil der Diplomingenieur für das eigene Boxstudio in Zollstock damals den sicheren Bürojob an den Nagel gehängt und das Ganze inzwischen in einen Erfolg verwandelt hat. Zum Anderen, weil auch diejenigen, die heute bei ihm in den Ring steigen, eine ordentliche Portion Mumm brauchen. Schließlich prügeln sich hier keine minderbemittelten Proleten, die sich ohnehin nichts Besseres vorstellen können, als ein Veilchen gegen die gebrochene Nase des Gegners einzutauschen.

Im Gegenteil: In Zollstock, so könnte man meinen, wollen vor allem sonst friedliche Akademiker endlich auch mal die Fäuste fliegen lassen. "Ängry Ericsen" zum Beispiel. Der Lehrer hat wochenlang trainiert und auf Alkohol verzichtet, nur um an diesem Abend als Sieger aus dem Ring zu gehen. Als Zuschauer darf man sich da ein wenig an David Finchers "Fight Club" erinnert fühlen. Immerhin trifft sich auch da eine Horde relativ unauffälliger Kerle in einem Keller, um den Nervenkitzel einer Schlägerei zu suchen und den Tyler Durden in sich rauszulassen. Nur dass in Köln-Zollstock weder unkontrolliert geprügelt, noch mit blanken Fäusten gekämpft wird.

Eine blutige Nase und viele Umarmungen

Dafür sorgt unter anderem der Ringrichter, der – ganz stilecht mit weißem Hemd und schwarzer Fliege – über Treffer und Einhaltung der Regeln wacht. Insgesamt sechs Kämpfe unterliegen beim Guts & Glory Cup 2016 seinen strengen Augen. Viel zu tun, so scheint es, hat er jedoch nicht. Schließlich kennen sich die meisten Kämpfer – vom Training in Schneiders Studio. Fair Play ist hier offenbar im Interesse aller Beteiligten. Gebrochene Knochen gibt es nicht, dafür jede Menge freundschaftlicher Umarmungen nach den Zweikämpfen.

Auch "Ängry Ericsen" und sein Gegner, der sich noch vor der finalen Runde erschöpft geschlagen gibt, liegen sich nach ihrem kurzen aber heftigen Kampf in den Armen. Das Publikum gröhlt. Mit dem, was man sich bei einem Boxkampf in dunklen Kelleräumen so vorstellen mag, haben auch die Zuschauer wenig gemein. So richtig blutrünstig ist hier niemand und die meisten sind wohl irgendwie froh, dass eine blutige Nase das Dramatischste ist, was sie an diesem Samstagabend zu sehen bekommen.

Eher zivilisiert wird es hinter der schweren, grauen Stahltür in dem Kellerboxclub am Gottesweg wohl auch bis zum nächsten Guts & Glory Cup zugehen. Schließlich dreht sich beim Boxen – so die Devise des Clubs – nicht alles nur ums Kämpfen, sondern viel mehr um Mut, Fitness, Koordination und Konzentrationsfähigkeit gepaart mit Geduld, harter Arbeit und Disziplin. Dinge, die eben nicht nur Profiboxer, sondern auch der Lehrer oder die Büroangestellte von nebenan gebrauchen können.

Mehr über Guts & Glory erfahrt ihr beim Kölner Stadt-Anzeiger, auf Facebook oder hier.

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