Roadtrip USA, Pt. I: Carrizo Plain – die Stille hören

Für die Reichen und Schönen aus LA ist Carrizo Plain wahrscheinlich sowas wie der Arsch der Welt. Endlose staubige Straßen, sengende Hitze, kaum eine Menschenseele. Zumindest im Sommer. Doch wer genau hinschaut, der versteht, warum die Ebene am Rande von Kaliforniens Central Valley ein National Monument ist.

Es heißt, in Carrizo Plain – einem Schutzgebiet am Rande des kalifornischen Central Valleys – könnte man die Stille förmlich hören. Hier, unweit der schillernden Metropole Los Angeles, schlummert ein Landstrich, in den sich nur selten Menschen verirren. Zumindest dieser Tage. Die Straßen, die durch die Ebene zwischen den beiden Bergketten Caliente Range und Temblor Range führen, sind verlassen und staubig. Und die Septembersonne brennt. Die Zeiten, in denen Siedler hier ihre Farmen und kleine Erzbergwerke errichteten, sind längst vorbei. Das Land erwies sich als zu trocken und unfruchtbar. Inzwischen rosten alte Ackerbau-Gerätschaften neben einer verlassenen Ranch im Sand vor sich hin. Heute führen Fledermäuse des Regiment in der alten "Traver Ranch". Mit einem Stacheldrahtzaun haben Naturschützer den maroden Bau abgeriegelt – um sicherzustellen, dass die scheuen Tierchen vor allzu neugierigen Besuchern geschützt bleiben.

Doch nicht nur die "Traver Ranch" steht nun unter Schutz – Anfang 2001 wurde das gesamte Areal vom damaligen Präsident Bill Clinton zum National Monument erklärt. Sehr zum Wohle verschiedener vom Aussterben bedrohter Tier- und Pflanzenarten. Dabei erscheint es angesichts der sengenden Hitze und staubigen Trockenheit nahezu unvorstellbar, dass sich in dieser Einöde auch nur irgendein Lebewesen wohlfühlen könnte. Im Frühjahr jedoch zeigt sich, dass selbst dieser augenscheinlich gottverlassene Ort voller Wunder steckt. Dann nämlich verwandelt sich das Gebiet in ein schier unendliches Blumenmeer. Soda Lake jedoch – der zwölf Quadratkilometer große See im Nordwesten von Carrizo Plain – liegt aufgrund der anhaltenden kalifornischen Dürre inzwischen fast ganzjährig trocken. Wer vom Overlook Hill aus auf das Basin blickt, den erinnert nur ein weiß schimmernder Bodensatz daran, dass dieses Loch einmal mit Salzwasser gefüllt war. Das Wasser ist längst verschwunden, das Salz geblieben.

In dieser Gegend geblieben ist auch Annarosa. Gemeinsam mit ihrer Tochter sitzt die zierliche, philippinischstämmige Frau auf der kleinen Bank auf dem Gipfel des Aussichtspunktes. Die beiden haben hier die Nacht in einem Zelt verbracht, erzählt sie. Ihre Form von Abendteuer. Annarosa lebt mit Mann und Tochter am Rande dieser Einöde. Dass die junge Frau sofort das Gespräch sucht, lässt vermuten, dass sie normalerweise wohl nur selten die Gelegenheit bekommt, sich mit anderen Menschen zu unterhalten. Ihre Verwandtschaft mache sich regelmäßig lustig darüber, dass sie mit Kind und Kegel ins Nirgendwo gezogen ist. Besuchen wolle sie hier niemand so recht. Doch offenbar ist es eine Frage des Geldes. "Wir haben auch noch ein anderes Haus – das vermieten wir aber, weil es mehr Geld bringt", verrät sie.

Annarosas Tochter ist noch jung, vielleicht sieben oder acht Jahre alt. Es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis sie ihre Eltern drängen wird, sie aus der Abgeschiedenheit zu befreien. Oder vielleicht auch nicht. Vielleicht hat auch Annarosas Tochter sich in die kleinen und großen Wunder von Carrizo Plain verliebt. In die riesigen Steinschluchten zum Beispiel, die sich hier auftun. Es ist die berühmte San-Andreas-Verwerfung, die diese gigantischen Risse im Boden erschaffen hat. Irgendwo unter der Erdoberfläche driftet die Pazifische Platte an der Nordamerikanischen Platte vorbei. Rund 1300 Kilometer ist diese Verwerfung, die Kalifornien in zwei Hälften teilt, lang. Ständig lässt sie in dem US-Bundesstaat irgendwo die Erde beben. Auf der Carrizo-Ebene kann man dennoch vor allem eines hören: die Stille.

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