Sachsen: Chemnitz – schön geht anders

"In Chemnitz zu leben ist, wie einer Pflaume beim Schimmeln zuzusehen." Das hat mal ein Chemnitzer Dichter gesagt. Allerdings einer, den die taz nur erfunden hat. Dass viele Chemnitzer die Satire trotzdem für bahre Münze genommen haben, spricht Bände.

Food- und Travelblog. Ja Mensch, warum nicht mal was über die Heimat schreiben. Da kommt man ja her, kennt sich aus, da weiß man, wo’s schön ist. Tja, da gibt es nur ein kleines Problem: Ich komme aus Chemnitz. Und Chemnitz ist vieles, aber so richtig schön definitiv nicht. Zumindest in meinen Augen. Aber die mussten dieses Kaff ja auch schon ein halbes Leben lang bewundern, bestaunen, bedauern und beweinen. Es ist ein bisschen wie mit Matthias Schweighöfer – erst denkste vielleicht noch: „lecker Kerlchen“. Dann schaust du länger hin und merkst: Ups, ist der klein. Und ganz schön arrogant. Und warum fällt mir diese ausladende Stirn eigentlich erst jetzt auf? Ok, es gibt weitaus bessere Beispiele für Dinge, die bei genauerem Betrachten immer hässlicher werden. Aber Chemnitz und Schweighöfer – das passt dann doch irgendwie. Der ist schließlich hier zur Schule gegangen. Und im Gegensatz zu Kraftklub wollte er dann eben doch nach Berlin. Bekannte Namen, die sich mal in Chemnitz rumgetrieben haben, gibt es übrigens ein paar. Michael Ballack hat hier das Kicken und Kati Witt das Schlittschuhlaufen gelernt. Nur Karl Marx – der ist angeblich nie hier gewesen. Und das, obwohl sein Konterfei die Hauptattraktion der Stadt ist. Der grimmige Blick seiner überdimensionierten Büste ziert eine jede Chemnitz-Postkarte. Und wer zwischen 1953 und 1990 hier geboren wurde, der hat den Namen des bärtigen Sozialisten sogar auf Geburtsurkunde und Personalausweis stehen. Bis heute. Geboren in: „Karl-Marx-Stadt, jetzt Chemnitz“. Ziemlich viel Schreibarbeit für so einen Beamten im Einwohnermeldeamt.

Eine Stadt, die eigentlich ein Dorf ist Tatsächlich stürmten nach der Wende so einige Chemnitzer fremde Einwohnermeldeämter – weil sie weg wollten. Verständlicherweise. Das ist auch einer der Gründe dafür, warum Chemnitz lange Zeit nur noch als eines von sich reden machte – nämlich als älteste Stadt Deutschlands. Die jungen Leute zogen weg, die Dagebliebenen wurden alt. Ergo: Graukappen so weit das Auge reicht. Angeblich wird das gerade wieder ein bisschen besser. Verschlafen wie eh und je ist Chemnitz trotzdem. Eine Stadt, die eigentlich mehr Dorf ist. 24. Dezember, vormittags: Der Marktplatz ist leergefegt, die Weihnachtsmarktbuden sind verriegelt, Erzgebirgskunst dreht auf der großen Pyramide einsam ihre Runden. An der Tristesse ändern auch die paar hübschen Altbauten neben dem historischen Rathaus nichts. Keine Menschenseele. Manch Auswärtiger könnte jetzt in Panik verfallen und sich fragen, ob ihm eine Unwetter- oder Seuchenwarnung durchgegangen ist. Ist aber nicht so – nur Chemnitz ist eben so. Während in anderen Innenstädten gerade noch die Hölle los ist, lässt sich in den Geschäften hier testen, wie es sich anfühlt, wenn man nachts im Kaufhaus eingesperrt wird und sämtliche Umkleiden für sich alleine hat.

Ein paar Meter vom Marktplatz entfernt, trumpft Chemnitz mit einem Novum auf: Quetzal, Deutschlands erste Schokoladenbar. Steht da, stimmt aber nicht. In Dresden existiert nämlich schon seit 2008 ein Café, das sich Schokoladenbar nennt. Aber wem soll das schon auffallen. Gibt schließlich keinen Grund für einen Dresdner, nach Chemnitz zu fahren. Offenbar gibt es ja noch nicht mal für Chemnitzer einen Grund, in die stadteigene Schokoladenbar zu kommen. Sieht heute zumindest so aus. Denn kaum sind wir drin, haben wir die Gästezahl mal eben verdoppelt – von zwei auf vier. Der Kellner ist übertrieben nett. So nett, dass man meint, er wolle damit die schreckliche Inneneinrichtung wettmachen. Aber wahrscheinlich hat er doch einfach nur zu viel Zeit. Immerhin: Die Schokolade schmeckt.

Wer die Kalorien wieder loswerden will, kann sich aufmachen zu den übrigen Sehenswürdigkeiten der Stadt. Viele sind das allerdings nicht. Und am Ende wird man wohl nicht mehr verbrannt haben als den Milchschaum seiner heißen Schokolade. Für die nächste Sightseeing-Station reicht ein Blick auf die gegenüberliegende Straßenseite. Dort steht er: der Rote Turm – das älteste Gebäude der Stadt, und ein ziemlich unspektakuläres noch dazu. Für den „Meine-Güte-ist-das-hässlich-Moment“ sorgt die Stadthalle nebenan, nicht zu vergessen der graue Wolkenkratzer im Hintergrund – das Mercure Hotel. Weiter geradeaus auf der „Straße der Nationen“ trifft man linkerhand schließlich auf den Patron der Stadt: Karl Marx, den hier alle nur "Nischel" nennen. Das Sinnbild des Sozialismus hat das des Kapitalismus überdauert. Zumindest hier. Der McDonalds auf der gegenüberliegenden Straßenseite ist längst umgezogen. Stattdessen Leerstand und Ramschläden. Auch nicht besser.

Besser wird es auf der Höhe des Theaterplatzes. Das Opernhaus ist ein Lichtblick. Überhaupt ist der vom König-Albert-Museum, St. Petrikirche und Hotel Chemnitzer Hof umringte Platz – man mag es kaum glauben – schön. Wirklich schön sogar. Allerdings wäre die innerstädtische Sightseeing-Tour damit auch schon beendet. Ansonsten gibt es in Chemnitz: Nüscht. Naja, abgesehen von Plattenbausiedlungen, Einkaufszentren und vor sich hin rottenden Altbauten versteht sich. Lokalpatrioten werden jetzt protestieren und den Schlossteich samt Schlosskirche, die Burg Rabenstein, den Kaßberg mit seinen Jugendstil-Häusern oder vielleicht sogar die Markthalle ins Feld führen wollen. So richtig der Rede wert ist all das aber nicht. Schöne Altbauten, Kirchen und Markthallen gibt es auch anderswo – nur eben garniert mit hübschen Cafés, guten Restaurants und vor allem: mehr Menschen, mehr Leben.

Chemnitz nennt sich selbst die "Stadt der Moderne". Vielleicht ist es ja modern, zuhause vorm Rechner abzuhängen. Vielleicht ist hier deswegen alles so leer, so leblos. Vielleicht ist dieser Slogan aber auch nur der klägliche Versuch, einen unsäglich hässlichen Architektur-Mix schönzureden. Dabei wären all die Schönheitsfehler nur halb so wild, wenn Chemnitz wenigstens irgendwie cool wäre. Doch wie "Die Zeit" mal so treffend schrieb: Chemnitz darf man sich wie eines von drei Kindern vorstellen – eins ist schön (Dresden), eins ist cool (Leipzig) und eins ist nichts von beidem. Bei der taz hingegen war mal zu lesen, Chemnitz sei "eine Stadt mit einer Aura, wie sie nur wenige Orte auf der Welt ausstrahlen – Tschernobyl vielleicht, manche Teile Nordkoreas oder Stalingrad im Winter 43." Dass viele Chemnitzer selbst bei dem Zitat eines erfundenen Dichters, der angeblich gesagt haben soll "In Chemnitz zu leben ist, wie einer Pflaume beim Schimmeln zuzusehen", nicht darauf kamen, dass es sich bei dem Text lediglich um eine Satire handelt, spricht für sich. Weil Chemnitzer tief in sich drin ahnen, dass da irgendwie auch etwas Wahres dran ist.

So komplett ohne jeglichen Charme – das muss man fairerweise sagen – ist natürlich selbst Chemnitz nicht. Zumindest war es das nicht. Damals. Als selbst Akademikerkinder im Plattenbau aufwuchsen. In meiner Jugend. Als es das Voxxx, einen der coolsten Clubs der Stadt, noch gab. Als Jan Kummer – bei der jüngeren Generation nicht mehr als Mitbegründer von AG Geige, sondern vor allem als Vater der Kraftklub-Jungs bekannt – noch als "Musikprofessor von Ilmenau" die Plattenteller im Atomino drehte. Damals, als das Atomino noch ein abgeranzter Club im Keller eines abrissfälligen Gebäudes war. Herrlich. Das Atomino gibt es zwar immer noch. Inzwischen ist es allerdings im Kulturzentrum tietz zuhause – alles chic saniert und ein Bier der Woche steht auch auf der Karte. "Stadt der Moderne" eben. Kann man gut finden, muss man aber nicht. Immerhin das "Subway to Peter" ist noch dort, wo es immer war. Doch selbst in dieser Kult-Kneipe, wo weiterhin fast täglich Bands für ein paar Groschen in den Hut spielen, scheint inzwischen alles ein bisschen gediegener zuzugehen. Kaum hat der Sänger das Mikro zur Seite gelegt, trinkt jeder brav sein Bier aus und macht sich auf den Heimweg. Nun ja, wir werden alle nicht jünger. Chemnitz offenbar auch nicht. Und wenn, dann nur rein statistisch.

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